Bayrisches Brauchtum und verrückte Leute
In Bayern gab es lange Zeit die Tradition, dass die Braut mit dem so genannten Kammertwagen, was sich mit Aussteuerwagen übersetzen ließe, zum neuen Wohnort, also dem Haus des zukünftigen Ehemannes gefahren wurde. Was auf dem Wagen war und die Tiere, die ihn zogen, stellte die Aussteuer der Braut dar und ging damit quasi samt der Frau in den Besitz des Ehemannes über. Wie das Brautstehlen noch gerne praktiziert wird, wird auch heute manchmal dieser Kammertwagen, der mit Girlanden und Blumen geschmückt war, noch hergerichtet. Auf der Ladefläche des Wagens war alles, was die Frau von Zuhause mitbekam: Vom Geschirr über das Besteck, von Kleidung bis hin zur Aussteuerwäsche, und natürlich Möbel, von der Truhe bis zum Bettrahmen.
Als mein Mann und ich heirateten, war dies nicht anders. Der Kammertwagen wurde allerdings mehr als Gag hergerichtet, wir wohnten ja schließlich schon seit Jahren zusammen. Mein Mann ist LKW Fahrer, und natürlich ließen es sich die Kollegen nicht nehmen, nach der Kirche Spalier zu stehen, laut und dröhnend zu hupen und uns im Konvoi zum Mittagessen zu geleiten. Das Geleit sah aber hier sehr besonders aus. Samt unserem eben erst gekauften Bettrahmen und den dazu gehörigen Matratzen hatten die lieben Freunde und Arbeitskollegen die Hälfte unseres Mobiliars auf einem Tieflader aufgebaut und angegurtet, sodass wir quasi im Ehebett chauffiert wurden. Besonders um den Bettrahmen und die neuen Gelmatratzen machte ich mir große Sorgen, aber die Kumpel bauten alles wieder in der Wohnung auf, sodass unsere Hochzeitsnacht nicht mangels Schlafgelegenheit ausfallen musste. Alle Gäste fanden den Anblick unseres sehr privaten Fahrzeugs sehr witzig, die Fotos davon füllen bestimmt mehrere Alben.
Nachdem das Festprogramm samt Brautstehlen und Kranzltanz absolviert war, fielen wir glücklich, müde aber amüsiert ins Bett, nicht ohne uns zu vergewissern, ob sie uns vielleicht nicht noch einen Streich gespielt hatten. Die lustigen Einlagen in der Wohnung beschränkten sich aber auf geschätzte hundert Luftballons und mindestens ebenso viele Plastikbecher voller Wasser, durch die wir erst einmal in das Schlafzimmer gehen mussten.
Im ersten Moment konnten mein Mann und ich uns nicht wirklich darüber freuen, dass unsere Freunde nicht einmal vor den neuen Möbeln, vor allem dem doch etwas teuren Bettrahmen, halt gemacht haben, um ihren Spaß zu haben. Auf der anderen Seite zeigt uns dies alles aber doch, dass sie uns alle sehr mögen, denn sonst hätten sie sich diese Arbeit erst gar nicht gemacht. Alles in allem hatten wir ein rauschendes Fest und eine Hochzeit, wie sie nicht schöner hätte sein können.




